Montag, 30. März 2009

zottelchen


als mein sohn fünf war, holte ich ihn mal vom kindergarten ab, er erwartete mich mit einem kleinen kätzchen auf seiner schulter und bettelte mich unter tränen an, das kleine fellige etwas behalten zu dürfen. von da an gehörte die tigerkatze, die auf den namen zottelchen getauft wurde, irgendwie richtig zur familie. sie entwickelte sich zu einem stolzen, höchst eigenwilligem tier, das - wie man es oft von katzen hört - ein starkes eigenleben führte.


so sehr sie uns anderen auch manchmal ihre anschmiegsame seite zeigte, war klar, das mein sohn in ihrem katzenleben eine besondere rolle einnahm. ihn begleitete sie morgens einen teil des weges zur schule, auf ihn wartete sie am gartentor, bis er nach hause kam. allmählich wurde sie größer und mein kleiner sohn auch.


als er seine erste e-gitarre in betrieb nahm und ordentlich aufdrehte, hockte sie auf dem lautstärker-ungetüm und weder metallica-rhythmen noch andere schaurige heavy metal - töne konnten sie von diesem platz vertreiben. erst als mein sohn älter wurde und die erste freundin ins haus brachte, begann ihn die anwesenheit der katze für momente zu stören und sie musste erleben, dass sie auch mal ausgesperrt wurde aus seinem zimmer, was sie allerdings nicht daran hinderte unermüdlich miauend vor der tür zu sitzen und geduldig zu warten, bis sie ihr endlich wieder geöffnet wurde.


kurz vor ihrem zwanzigsten geburtstag hatte sie erste schwächeanfälle. die beine knickten ihr plötzlich weg und es gelang ihr nicht mehr irgendwo hochzuspringen. ganz verwundert schaute sie mich an, so als würde sie mich fragen, was denn da plötzlich mit ihr los sei. und ließ sich willig von mir hochheben und rumtragen, und obwohl sie sichtlich schmerzen verspürte, kamen ganz selten leise klagelaute.


unser verhältnis zueinander war in all den jahren kein besonders inniges. sie zernagte so maches, an dem ich hing, biss sich durch meine wollknäuel, ich schimpfte und sorgte pflichtbewusst für ihre verköstigung. doch in dieser zeit kamen zottelchen und ich uns plötzlich näher. meine beiden kinder waren nicht mehr im haus, die tochter zum studium, mein sohn im ausland. bis dahin hatte sie immer noch nach ihm ausschau gehalten, hatte es sich zum schlafen auf seinen sweatshirts oder jeans bequem geamacht. das war vorbei.


als mir klar war, dass sie keinen ihrer lieblingsorte mehr aufsuchen konnte, hab ich damit begonnen, sie auf eine weiche decke gebettet jeden tag ein paar mal in den garten zu tragen und bin mit ihr herumspaziert, hab sie an den bäumen schnuppern lassen, auf die sie früher so kletterfreudig hochgesprungen war, hab sie ins weiche sonnenwarme gras gebettet, ihr noch einmal die goldfische gezeigt, hinter denen sie früher mal so jagdfreudig hinterher war. und obwohl ich den eindruck hatte, das ihr das sehr behagte, wurde immer deutlicher, dass sie einfach zu alt und zu müde geworden war. es bedeutete ihr nicht mehr wirklich etwas. die schmerzen wurden größer, der körper schwächer und so beschlossen wir nach rücksprache mit dem tierarzt schweren herzens, sie einschläfern zu lassen.


ein letztes mal hab ich sie also auf der weichen decke durch die wohnung getragen, hab sie noch einmal zu ihren lieblings- und fensterplätzen gebracht und auf eines der alten sweatshirts meines sohnes gelegt. hab ihr noch einmal von all ihren streichen und abenteuern erzählt und ihr immer wieder gesagt, wieviel freude sie in unser aller leben gebracht hat. es war der abschied. und er hat mir unerwartet heftig weh getan. mein mann hat es dann übernommen, bei ihr zu bleiben, nachdem der tierarzt ihr die besagte spritze verabreicht hatte. auf seinem schoß ist sie schließlich still und friedlich eingeschlafen. als mein sohn eine woche später heimkam, hatte ich mühe, es ihm beizubringen. er hat sich ohne ein wort zu sagen in sein zimmer verzogen und längere zeit nicht blicken lassen. es ist auch heut noch unmöglich, von seiner katze zu reden, ohne dass er den tränen nah ist.


dabei sind seitdem fünf jahre vergangen. doch lange zeit war mir immer noch so als müsste sie jeden moment zur tür reinspazieren, um meine beine streichen oder darum miauen, dass ich sie in den garten rauslass. und ich war selber überrascht, wie lang es schlußendlich gedauert hat, zu akzeptieren, dass sie nicht mehr da und das haus nun eben noch ein bisschen stiller geworden ist . denn anders als früher, wo ich eigentlich nur diejenige war, die für das futter und das reinigen ihres kistchens zuständig war, hatte sich unser verhältnis zueinander in den letzen wochen ihres lebens wundersam gewandelt. sie war so wehrlos und doch voller vertrauen zu mir und wir waren uns grad durch ihre gebrechlichkeit so nah gekommen wie ich es nie für möglich gehalten hätte. irgendwie haben wir einander verstanden. das war für mich eine einzigartige erfahrung, die ich nicht missen möchte und dabei soll es auch bleiben.

Kommentare:

  1. manches kann man einfach schwer loslassen, besonders wenn es sehr nahe steht.
    wir haben einen Zwerghasen der nun auch schon in die Jahre gekommen ist.
    im Herbst war er wirklich schwer krank, einschläfern?, der Tierarzt meinte ich geb ihm noch einen Infusion und siehe da er wurde wieder gesund. Doch dieser erste Trennungsschmerz war schon spürbar und im ersten Moment sehr schmerzhaft,und das ist bei Tierabschieden nicht anders als beim Abschied von geliebten Menschen. manchmal schwerer und manchmal leichter zu ertragen.

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  2. Eine sehr schöne Katzengeschicht hast uns hier erzählt rena.
    Herzliche Grüsse, Trudy

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  3. rena,
    berührend ist deine katzengeschichte. du hast so viel geduld und liebe. danke, dass du erzählt hast. gibts ein foto von zottelchen?
    lg
    ingrid

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  4. Hallo Rena, mich hat Deine schöne Erzählung richtig "mitgenommen". Du hast eine tolle Gabe zum Schreiben! Aber ich kann mich auch hineinversetzen, denn zu unserer Familie gehörte auch eine Katze mit ähnlicher Geschichte.
    Liebe Grüße von Diana

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  5. danke, für eure liebenswürdigen kommentare. es ist einfach so, dass ich jedes jahr, wenn mein sohn geburtstag hat auch an unsere katze besonders oft denken muss. und das wär jetzt wieder die zeit :)

    slg an alle, rena

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  6. Die Geschicht von eurer Katze ist mir unter die Haut gegangen.Ich habe auch ein Kater der schon 18 Jahre alt ist und langsam anfängt manche Sachen nicht mehr zu machen wie vorher.Vor der Zeit wo er nicht mehr bei uns sein darf hab ich Angst aber es gehört zum Leben.
    Danke für deine Geschichte sie macht bewusst das man die Zeit mit seinem Tier intensiv leben muss für die Zeit der Erinnerungen

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  7. heute habe ich hier eine sehr schöne geschichte gelesen.

    nun sitzte ich da, mit tränen in den augen und muss an meine beiden mietzekatzen denken, die jetzt auf wolke 3/4 mitte links dann rechts herum springen.

    du hast das so schön geschrieben. danke.

    liebe grüße

    andrea

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